Die Renaissance des Buchdrucks

In beinahe jeder Offsetdruckerei in Deutschland steht in einer ruhigen Ecke des Drucksaals ein Tiegel oder ein Zylinder. Damit wird gestanzt, gerillt, genutet und – wenn es noch jemand beherrscht und ein Kunde dafür da ist – auch noch in guter Qualität geprägt. Aber es bedurfte erst einer Welle aus den USA, dass jetzt bei uns viele Agenturen und informierte Endkunden auf Letterpress oder boston style abfahren. Der gute »alte« Buchdruck kehrt zurück, obwohl er eigentlich nie weg war…

Aus einem Ackergaul wird kein Rennpferd
Es sind viele Quereinsteiger, oft mit Agenturhintergrund, die sich vor den Hand- oder Trettiegel stellen oder gar an den Heidelberger Tiegel – und jede dieser Initiativen ist zu begrüßen! Es entstehen oft ganz wunderschöne Drucksachen.
Der Kreative ist zuerst einmal völlig frei von Limitierungen, die der gelernte Buchdrucker von Haus aus mitbringt. Da wo der Handsatz technische Vorgaben macht und Grenzen setzt umgeht der Quereinsteiger diese mit Photoshop, Illustrator und Photopolymerklischees. Mit Zurichtungen, und harten oder weichen Aufzügen hält sich der Letterpressler nicht auf. Das frühere Kapital der Druckereien, ihre umfangreichen Schriftensammlung, muss der heutige Neueinsteiger nicht mehr aufbieten – jeden noch so exotischen Schriftschnitt beschafft er sich mit einigen Mausclicks. Aber so wie nicht jeder Drucker einfach durch wünschen zum Kreativen wird, so wird auch nicht aus jedem Quereinsteiger nach einem mehrwöchigen Praktikum ein Qualitätsdrucker.

Was bleibt
In den glücklichen Fällen wo ein origineller Gestalter auf einen kundigen Handwerker trifft – sei es nun in Personalunion oder im Team – können, wie schon gesagt, wunderschöne Drucksachen entstehen. Solche, die selbst zu den Hochzeiten des Buchdrucks wegen technischer Hürden nicht machbar waren oder die einfach noch nicht »gedacht« werden konnten, weil die Zeit noch nicht reif war dafür. Solche Drucksachen finden immer einen offenen und begeisterten Abnehmerkreis. Aber der Hype um boston style wird vom nächsten garantiert abgelöst. Der Markt wird noch weiter wachsen aber dann auch wieder etwas kleiner werden und dann werden die Drucker, die die alte schwarze Kunst bis dato nicht perfekt beherrschen, mit der Welle wieder verschwinden.

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